
Zug um Zug, Spiel des Jahres 2004, ist kein verkopftes, verbissenes Spiel. Es geht locker von der Hand und bedient die Freude, die viele dabei verspüren, etwas planen und aufbauen zu dürfen. Das Thema Eisenbahn tut dazu sein Übriges. Spannung kommt dadurch auf, dass andere die eigenen Pläne durchkreuzen, wenn man zu spät eine wichtige Teilstrecke baut. Dazu gehört ein wenig Geschick beim Kartensammeln. So weit ist das Spiel auch mit Kindern reizvoll. Der einzige Haken ist, dass schlussendlich das Glück beim Nachziehen der Auftragskarten über Sieg oder Niederlage entscheidet, wozu eine gewisse Rücksichtslosigkeit gehört, schlimmstenfalls Minuspunkte einzufahren. Da jungen Kindern eine solche Zockermentalität in der Regel fehlt, gewinnen sie nur, wenn die anderen gerade vom Pech verfolgt sind. Ein Ärgernis sind noch die kleinen Karten, was man durch Erweiterung USA 1910 abstellen kann.
| Rang | Spiel | Alter | Spieler | Dauer |
| 1 | Zug um Zug | 8 | 2-5 | 60 |
| 2 | Heimlich & Co | 8 | 3-7 | 30 |
| 3 | Azul | 8 | 2-4 | 30 |
| 4 | Kingdomino | 8 | 2-4 | 30 |
| 5 | Dominion | 8 | 2-4 | 45 |
| 6 | Pictures | 8 | 4-5 | 45 |
| 7 | Die holde Isolde | 8 | 3-5 | 30 |
| 8 | Patchwork | 8 | 2 | 30 |
| 9 | Cartagena | 8 | 2-4 | 30 |
| 10 | Manhattan | 8 | 3-4 | 45 |

Wer bei Heimlich & Co, Spiel des Jahres 1986, reflexartig ein Glücksspiel ausmacht, weil ein Würfel darin vorkommt, hat den Reiz des Spiels verfehlt. Und wer es als Kinderspiel ansieht, weil die Regeln einfach und die Dauer kurz sind, hat es noch nie mit Kindern gespielt. Freilich handelt es sich nicht um ein hochkomplexes Aufbauspiel, weshalb die Altersangabe ab 8 es klar und deutlich als Familienspiel ausweist. Jüngere Kinder verfügen nicht über die nötige Verschlagenheit und die Fähigkeit zur Irreführung, um eine Chance zu haben. Denn für den Sieg braucht es taktische und kommunikative Raffinesse. Ja, Glück gehört auch ein wenig dazu, denn erst durch den Würfel ergeben sich Entscheidungszwänge, die das Spiel in Schwung bringen. Und so wird es zu einem äußerst interaktiven Familienspielerlebnis, bei dem es am Tisch turbulent zugeht. Weil die Kramerleiste, die mit diesem Spiel das Licht der Welt erblickt hat, nicht einfach nur als Zählhilfe dient, sondern eine wichtige Funktion erfüllt, indem sie ein festes Ziel markiert, gegen das man spielt, wird es zum Ende hin richtig spannend. Wie würde man sich eine solche Zuspitzung bei manch neuerem Spiel wünschen, wo nebeneinander her im geradezu autistischen Arbeitsmodus Punkte gesammelt und Multiplikatoren ergattert werden, damit es schlussendlich dann gleich mehrfach um die Leiste in die Hunderte geht.

Perfekt für zwischendurch! Ja stimmt, Azul, Spiel des Jahres 2018, ist geradezu simpel und ja, es gibt jede Menge andere schnelle, einfache Spiele. Warum findet man trotzdem so leicht Mitspieler in jedem Alter? Da ist zunächst mal der konstruktive Aspekt. Man baut sich etwas auf und gemessen an der Mechanik ist das Thema deshalb treffend gewählt. Dann ist da die logische Herausforderung. Man muss strategisch vorgehen, sonst wird das nix. Obwohl das teilweise durchaus komplex wird, bleibt die Funktionsweise so nachvollziehbar, dass Kinder mithalten können. Dabei kann man sogar taktische Varianten beschreiten: Will man über die Spalten punkten, bekommt man nur schwer Farben voll, vor allem wenn dann noch jemand auf ein schnelles Ende und somit vorrangig auf die Zwischen- statt die Endwertungen setzt. Schließlich herrscht zuweilen sogar unangenehm viel Interaktion, wenn die anderen dafür sorgen, dass man seine Keller voller Steine legen muss und die Minuspunkte den schönen Vorsprung zunichte machen. Nicht nur schnelle Spiele sind gerne entweder eindimensional oder destruktiv oder autistisch oder lassen große Leistungsunterschiede hervortreten. Azul gelingt es auf wundersame Weise, dass nichts davon den Spaß verdirbt.

Das Spielprinzip von Kingdomino, Spiel des Jahres 2017, ist einfach und doch nicht eintönig. Der Entscheidungsspielraum, welches Plättchen man nehmen darf, ist nicht groß und doch wird das dadurch wettgemacht, dass es viele Möglichkeiten gibt, wo man anlegt. Der Glücksanteil ist hoch und doch kommt es, wie bei einem guten Kartenspiel, drauf an, was man draus macht. Weil man ständig dabei ist, das Beste aus der Situation herauszuholen, vermag das Spiel zu fesseln; und auch Kinder haben eine gute Chance, nicht nur weil Fortuna ihre Hände im Spiel hat, sondern auch weil sehr eingängig ist, was zu tun ist. Bruno Cathala ist es gelungen aus dem Grundprinzip des guten alten Domino ein richtig fesselndes Spiel zu zaubern.

Bei Dominion, Spiel des Jahres 2009, gilt es, aus den ausliegenden Karten diejenige Strategie herauszulesen, die am erfolgvesprechendsten ist. Danach beginnt dann der Wettlauf gegen die anderen, je nach Deck mit mehr oder weniger Interaktion. Aufgrund der vielen Kombinationsmöglichkeiten der Auslage können die passenden Strategien dann jeweils sehr verschieden aussehen, sodass es nie langweilig wird. Durch das Mischen der Karten kommt ein Glücksanteil hinzu und die Karten selbst sind so gut austariert, dass auch Kinder nicht einfach untergehen und ihnen der Deckaufbau durchaus Freude bereitet.

Manchen ist das Pictures, Spiel des Jahres 2020, zu wenig innovativ und zu schnell durchgespielt. Tatsächlich befanden sich in der ersten Auflage etwas wenig Bilder. Das wurde behoben und jetzt muss man schon sehr oft spielen, bis sich Konstellationen wiederholen. Innovativer wird ein Spiel durch eine neue Auflage aber freilich nicht. Muss es das überhaupt? Das Spiel tut, was es soll: Es handelt sich um ein zugängliches und unterhaltsames Familienspiel. Es ist interaktiver und lustiger als viele andere Spiele und es hat gegenüber den Kommunikationsspielen, mit denen es verglichen wird, den großen Vorteil, dass kleinere Kinder keine Nachteile haben, nur weil ihnen mangels Erfahrung weniger Assoziationen zur Verfügung stehen oder sie schlicht das Wort nicht kennen. Durch die verschiedenen Bastelsets ist in Pictures außerdem noch willkommene Abwechslung geboten. Als Familienspiel macht es jedenfalls eine gute Figur.

Bei Die holde Isolde beschränkt sich die Interaktion nicht auf das Drafting. Vielmehr geht es damit beim Ausspielen der ergatterten Karten erst richtig los. Ständig muss man abwägen, wen man wo übertrumpft und vor allem wann. Auf jedem Brett geht es heiß her und man muss zu unterschiedlichen Zeitpunkten zur Stelle sein. Spannung ist garantiert und Haareraufen auch.

Patchwork sieht aus wie ein Puzzle, spielt sich aber nicht so. Es kommt einfach daher, ist aber schwer zu gewinnen. Man spielt auf getrennten Feldern, es fühlt sich aber nicht so an. Durch diese Feldertrennung verläuft die Partie nicht unmittelbar konfrontativ, sodass es auch Kindern Spaß macht, wenn sie eigentlich noch keine Chance haben. Denn das Nähen des Flickenteppichs erfordert einiges an Kombinatorik. Zugleich bleibt beim Aufsammeln der Flicken in der Mitte genug Interaktion, sodass durchaus genug Tuchfühlung vermittelt, gegeneinader zu spielen. Thematisch ist das Spiel ohnehin hervorragend gemacht, und das ganz unabhängig davon, ob man mit diesem Thema etwas anfangen kann. Dass der reichste an Knöpfen das Spiel gewinnt, fügt sich einfach wunderbar ins Bild.

Ein interaktives Rennspiel mit einfachen Regeln, das in jeder Spielerzahl funktioniert: Cartagena bringt in kurzer Zeit eine Menge Spiel unter. Dass den letzten die Hunde beißen, ist kein Manko, sondern erst dadurch gewinnt das Spiel seinen Reiz. Ständig muss man aufpassen, nicht abgehängt zu werden und auch darauf, mit seinen Zügen keine Vorlagen für die anderen zu geben. Hier spielt niemand für sich, sondern nur gemeinsam können die Piraten flüchten, nur kommen eben nicht alle rechtzeitig ans Ziel. Das Spiel ist nicht schwer, sodass auch Kinder schon mitspielen können, und doch taktisch so anspruchsvoll, dass man ständig auf der Hut sein muss – zumindest in der Tormaika-Variante: Handkarten verdeckt, Nachziehkarten offen.

Aber das ist doch gar nicht Manhatten! Das war die erste Reaktion der Kinder. Und tatsächlich fragt man sich, warum man seine Wolkenkratzer nicht in verschiedenen Vierteln von Manhatten um die Wette bauen darf. Dann sind da in der Neuauflage noch diese kaum zu unterscheidenden Farben. In der Aufmachung wurde also einiges verschenkt, so poppig sie auch daher kommen mag. Das Spiel des Jahres 1994 selbst ist ein wunderbares Mehrheitenspiel mit simplen Mechanismen und genügend Glücksanteil, dass es als Familienspiel schon ab 8 Jahren spannend bleibt. Ohnehin bringen die Karten Würze ins Geschehen. Wo kann ich etwas reißen und was für Karten haben die anderen? Eingängig, schnellgängig und trotzdem tiefgängig!
